Verzweifelte Zweifel

In Fremdsprachen bin ich ziemlich schlecht. Alle bei uns in der Familie sind das. Vermutlich liegt das an den Genen. Dementsprechend ist mein Englisch eine lückenhafte Holprigkeit. Dieses Unwissen wird, wie so oft, durch eine gefühlte Übersetzung ausgeglichen. Die manchmal viel poetischer ist als die tatsächliche Übersetzung.

Wenn in Berlin eine Straßenbahn (aka TRAM) an ihre Endhaltestelle kommt, erklärt eine freundliche Stimme: „This train terminates here“. Ich übersetze das instinktiv mit: Dieser Zug ist am Ziel und wird sich in wenigen Minuten selbst zerstören. Ich muss jedes Mal lachen, wenn ich das höre. Bitte verlassen Sie die Straßenbahn. Sie wird anschließend explodieren. Vermutlich hat dieses Missverständnis seinen Ursprung im Film „Terminator“, in dem Arnold Schwarzenegger alles kaputt macht. Auf die Idee, dass Terminator etwas anderes als Zerstörer heißen könnte, bin ich nie gekommen. Ich habe mal nachgeschaut, was es tatsächlich heißt, es aber auch schon wieder vergessen.

Im Song „Sugar Man“ von Rodriguez heißt es: „Sugar man you’re the answer
That makes my questions disappear.“ Beim Hören verwechsle ich disappear mit despair und übersetze innerlich: Du bist die Antwort, die meine Zweifel verzweifeln lässt.
Genial!

Die Fragen wollen nagen und Zweifel säen, aber sie schaffen es nicht. So sehr sie sich auch bemühen. Und sie strengen sich so an. Irgendwann verzweifeln sie an der Kraft der Antwort und schrumpeln elendig schweigend zusammen. Pure Poesie!

Die Wahrheit lautet natürlich, dass die Antwort die Fragen verschwinden lässt.
Naja.

Wie das Zeichnen eines Wildschweines zum Geburtstag befreiend sein kann

Meine Freundin hatte Geburtstag und war nicht da. Aus Gründen die hier nichts zur Sache tun, wollte ich ihr ein rennendes Wildschwein mit einem Kuchen zeichnen und das Bild über einen Messenger schicken. Wenn ich gut drauf bin, kann ich sowas gut. Wenn ich angespannt wird, ist es anstrengender. Die Zeichnung sah beim Entstehen überhaupt nicht aus, wie ein Wildschwein. Manchmal steigt in solchen Momenten leichte Panik in mir auf, weil ich unsicher bin, welcher Strich das Wildschwein genau zu einem Wildschwein machen. Was ist, wenn ich das nicht hinbekomme. Wenn das ab jetzt für immer so bleibt?! Das kann ich nicht meiner Freundin schicken. Man muss verstehen, dass diese Art von kreativen Erschaffen und darüber Kommunizieren, ein wichtiger Faktor meines Selbst- und Ich-Bewusstseins ist, der vorhandene Defizite, wie das Fehlen von großem Grundbesitz kompensieren muss.

Dann hatte ich interessanterweise folgenden Gedanken: Ein perfektes Wildschwein könnte ein KI-Bildgenerator per Knopfdruck erstellen und niemand würde beim Betrachten daran zweifeln, dass DAS ein Wildschwein ist. Da gäbe es keine falschen Proportionen und Dellen an den unangebrachten Stellen. Und wenn es diese Variante also schon gibt, bin ich ja frei zu machen, was ich will, weil dagegen käme ich sowieso nicht an. Ist der Ruf erst ruiniert, zeichnet es sich ganz ungeniert. Das war sehr befreiend.

PS: Ob sie sich über das Wildschwein gefreut hat, weiß ich nicht. Sie sandte mir eine Sprachnachricht, die klang wie eine technische Störung. Funkloch sagt sie.

Aquarellzeichnung eines rennenden Wildschweins mit Kuchen auf dem Rücken

Scheiße Orange

Ein Orangeduftspray auf der Toilette soll den Geruch nach Scheiße überdecken. Wenn anschließend die nächste Person die Toilette betritt und den künstlichen Orangenduft riecht, weiß sie aber, was der bedeutet. Er ist wie ein Code für etwas anderes, über das man nicht offen spricht. Im Laufe der Zeit wird der Duft nach Orangen zu einem Synonym für Scheiße.

Wenn man nach dem Entleerungsvorgang feststellt, dass das Orangenduftspray leer ist, riecht es auf einmal wieder nach Scheiße. Das Versprechen der einfachen Lösung durch Kaschierung wird nicht mehr eingelöst, und man muss sich der stinkenden Realität stellen.

Genauso wie die Person, die nach einem die Toilette betritt.*

*Vor Corona musste ich für meine Arbeit beim Metal Hammer (ja, ich arbeite für den Metal Hammer. Cool, was?!) immer ins Verlagsgebäude. Eigentlich ist es nur eine Etage. Dort sind die Toiletten sehr, sehr klein. Einmal stand ich dort in der Scheißewolke des Chefredakteurs des Rolling Stone**.
Das wusste ich, weil er mir auf meinem Weg zur Toilette entgegenkam. Diese Verbindung von Geruch und Person war sehr unangenehm. Unangenehmer, als wenn man in einer anonymen Stinkewolke gestanden hätte.

**Musikmagazin, das vor allem Berichte über Jubiläen wie „70 Jahre The Beatles – Let It Be“ bringt, aber auch über junge Talente wie Bruce Springsteen berichtet.

Flackernde Welt

Wenn ich dusche und vor dem schmalen Fenster eine Taube vorbeifliegt, verdunkelt sich ganz kurz das Licht in der Duschkabine. Dann habe ich den Eindruck, die Welt würde flackern und für einen (ganz) kurzen Moment, denke ich dass ich bald eine neue Glühbirne für sie werde besorgen müssen.